Warum malt man heute noch Portraits?
Angesichts digitaler Fotografie und Bildbearbeitung kann die Wirklichkeit auch ohne Schönheitschirugie „perfektioniert“ werden. Und wenn man Instagram und sonstige soziale Medien verfolgt, scheint allgemein die (wie auch immer) geschönte Wahrheit, die bevorzugte zu sein.
Und dennoch, der Mensch hängt am „Original“ und das ist etwas, das mit der digitalen Welt rar geworden ist. Ein gemaltes Portrait erreicht kaum den Genauigkeitsgrad einer Fotografie, aber es ist einzigartig, genau wie der oder die, den es abbildet.
Ich finde das sehr tröstlich.
Aber was genau muss ein Portrait nun leisten? Den Portraitierten möglichst genau abbilden? Den Menschen so zeigen, wie man ihn sieht, oder viel schwerer noch, so wie er sich selbst sieht? Soll es das Wesen, den Charakter einer Person zum Ausdruck bringen und wenn ja, welche Seite von den vielen? Oder dient es nur als Basis für die Bildkomposition? Das ist eine Frage, die ich selbst nicht leicht beantworten kann.
Eines ist aber für mich klar: das Portrait ist eine ganz besondere Disziplin, denn der Betrachtende reagiert auf Gesichter anders, als auf andere Darstellungen.
Als soziale Wesen, leben wir in gigantischen Gemeinschaften zusammen und müssen daher von klein auf lernen, andere Menschen einzuschätzen und zu „lesen“, damit die Gruppe funktioniert und wir uns sicher fühlen. Der Gesichtsausdruck ist dabei entscheidend.
Durch die Malerei erhält das Portrait über die Physiognomie, Mimik und Haltung hinaus eine weitere (Be-)Deutungsebene. Farbe, Komposition, Kontrast - alles malerische Mittel den Ausdruck in die eine oder andere Richtung zu intensivieren. Eine weitere Ebene, die das zuvor interpretierte noch einmal komplett umdrehen kann, ist die Ergänzung durch Text: Fakten oder Behauptungen.
Ich freue mich immer über gute Titel bei Kunstwerken. Nicht selten erhält es durch den Titel tiefere Bedeutung oder lässt sich für den Betrachter erst richtig erschliessen. Was bewirkt der Titel oder der Titelzusatz unter einem Portrait? Nimmt man dadurch eine ablehnende oder wohlwollende Haltung ein? Findet man es dann noch gut oder gerade erst recht?